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30.05.2018 13:41 Alter: 198 days

Wir werden Pflegepersonaluntergrenzen nicht schaffen

Der Deutsche Krankenhaus-Controller-Tag feierte jüngst seinen 25. Geburtstag. Gut 300 Teilnehmer diskutierten Mitte Mai rund um das Motto „In aller Freundschaft – Controlling muss sein!“ Auf der zweitägigen Veranstaltung des Deutschen Vereins für Krankenhaus-Controlling (DVKC) in Potsdam wurde auch die neue Krankenhauscontrolling-Studie 2017/18 präsentiert. Kritisch zur Sache ging es u.a. zum Thema Gesundheitspolitik und Pflege. von Caroline Heske


Das Vorwort in der Tagungsmappe wies die Richtung. „In den nächsten drei bis fünf Jahren muss sich das Controlling neu ausrichten, insbesondere die speziellen Fragestellungen der digitalisierten Welt bringen immense Veränderungen mit sich“, so Prof. Dr. Björn Maier, Vorsitzender des DVKC und Kai Tybussek, stellvertretender Vorsitzender zur Einstimmung aufs Programm. Die Erkenntnis, dass dabei zwangsweise nicht alles „In aller Freundschaft“ ablaufen kann und wird, brauchte dann nach der Eröffnung am 17. Mai 2018 im Kongresshotel Potsdam auch nur zehn Minuten.

Pflege im politischen Fokus

„Gesundheitspolitik – Was kommt auf uns zu?“ lautete der erste Vortragstitel. MdB Lothar Riebsamen, seit neun Jahren Mitglied im Ausschuss für Gesundheit startete dazu einen Rundumschlag anlässlich des neuen Koalitionsvertrages. Und setzte einen Schwerpunkt, den die Gäste aus dem Klinikbereich vielleicht nicht gleich zu Anfang erwartet hätten: Pflege. „Die Personaluntergrenzen, jetzt verschärft für alle bettenführende Abteilungen haben die Krankenhäuser nicht unbedingt gefreut“, so der CDU-Politiker, der betonte, dass es dabei nicht um Anhaltszahlen ginge. „Aber die Pflege aus dem DRG-System rausnehmen? Das ist für mich eine Art Kulturschock!“ Er warnte: „Wir müssen darauf achten, dass Geld, das für Pflege gedacht ist, auch für Pflege ausgegeben wird.“

Woher soll das Personal kommen?

Hauptthema sei, woher das Personal genommen werden könne, ob 8.000 neue Arbeitsplätze oder mehr Bedarf – „wenn mehrere tausend Stellen jetzt bereits unbesetzt sind, braucht das mehr Initiativen“. Zumal die Fallschwere für Pflegende zugenommen habe. Riebsamen monierte im selben Zuge, dass die Bundeländer der Investitionsförderung nicht nachkämen.

Erst nach knapp 20 Minuten kamen noch „weitere Punkte“ wie Digitalisierung, sektorenübergreifende bzw. Notfallversorgung oder die Wiedereinführung der paritätischen Finanzierung zur Sprache. So blieb tatsächlich der Eindruck: Politisch steht der Kurs auf Pflege.

Baustellen ohne Ende

Das war Wasser auf den Mühlen von Prof. Dr. Michael Philippi, der eigentlich zu „Krankenhausreformstrukturreform – eine unendliche Geschichte“ an den Start ging und im Rahmen seines Vortrages dann auch überwiegend und schwindelerregend viele offene Baustellen anführte. Eine davon sei genau die Pflege. Der Ex-Sana-Vorstand fand deutliche Worte zum Zustand der Gesundheitsbranche, darunter zum Thema Pflegepersonal. „Auch wir als Krankenhäuser haben die Entwicklung verpennt. Dass das irgendwann knallt, war klar", so Philippi, designierter Leiter der Paracelsus Kliniken. Seine Prognose: „Wir werden Pflegepersonaluntergrenzen nicht schaffen!“ Nicht zuletzt sei die Pflege zwar aktuell das größte Problem, dennoch schon vor 25 Jahren entsprechend klar politisch formuliert. „Die schlechte Nachricht: Es wird immer so weitergehen, dass sich die Krankenhaus- und Gesundheitspolitik u.a. nach GKV-Zahlen richten“, meinte Philippi.

Altbewährte und brandaktuelle Aspekte

Ab mittags konzentrierten sich die Sessions dann zu altbewährten wie brandaktuellen Aspekten des Controlleralltags. Wie sieht das neue Rollenbild des Controllings aus, Softskills für Controller, marktorientiertes Controlling und Marketingcontrolling – um nur Einblicke zu nennen. Langjährige und hochkarätige Referenten wie Georg Baum (Hauptgeschäftsführer Deutsche Krankenhausgesellschaft) und Prof. Dr. Günter Neubauer (Institut für Gesundheitsökonomik) schmückten schließlich ebenso den zweiten Kongresstag. „Was mich auch gefreut hat, ist, dass die Nebenveranstaltungen alle so viel Beachtung gefunden haben“, bedankte sich Prof. Maier schon am ersten Abend.

Premiere für die Krankenhauscontrolling-Studie

Premiere auf dem diesjährigen Controller-Tag feierte die Krankenhauscontrolling-Studie: Zum insgesamt siebten Mal vom DVKC, der Schumpeter School of Business and Economics der Bergischen Universität Wuppertal und der Managementberatung zeb durchgeführt, wurden die Ergebnisse erstmals auf der Veranstaltung veröffentlicht. Aktueller Themen-Schwerpunkt: Personalcontrolling.

Dazu fasste Prof. Dr. Nils Crasselt aus Wuppertal u.a. zusammen, das von 146 Häusern, die für die Studie Auskunft gegeben hatten, 62 Prozent ihren Personalbedarf lediglich für ein Jahr im Voraus planen. Auch verzichte ein Großteil der Kliniken auf regelmäßige Befragungen zur Mitarbeiterzufriedenheit. Darüber hinaus gäbe es nur ein geringes Maß an abteilungsübergreifender Zusammenarbeit und Kennzahlen zur Produktivität des Personaleinsatzes würden vergleichsweise wenig genutzt. Frappierend ebenso, dass weniger als ein Viertel der befragten Krankenhäuser eine monatliche Deckungsbeitragsrechnung erstellen ließe und nur rund die Hälfte über entsprechende Quartalszahlen verfüge.

„Offenbar werden Prozesse nicht verändert“

Deutliche Worte zu den Ergebnissen fand auch zeb-Partner Dr. Christian Heitmann. 65 Prozent der Häuser würden inzwischen Data-Warehouse-Systeme nutzen. Aber: „Sie nehmen zwar Geld in die Hand, doch offenbar werden Prozesse nicht verändert.“ Es sei keine Zeitersparnis erkennbar – „das ist Zeit, die für Patienten fehlt.“ Der Leiter des zeb-Bereichs Health Care äußerte auch sein Unverständnis, dass Patienten weiterhin analog ins Krankenhaus gingen und genauso analog wieder herauskämen, obwohl Krankenhäuser heutzutage ungeheure Datenmengen ansammelten: „Holen Sie Ihre Befunde und sammeln Sie Daten für Ihre digitale Gesundheitsakte!

Quelle: https://www.hcm-magazin.de/wir-werden-pflegepersonaluntergrenzen-nicht-schaffen/150/25759/372020